Microsoft entwickelt ein System, das aus Daten nicht nahe liegende, aber dennoch zuverlässige Prognosen generieren soll.
(via technologyreview.com) Man stelle sich folgende Aufgabenstellung für ein Softwaresystem vor: Gebe in Abhängigkeit von relevanten Faktoren Prognosen darüber ab, wann auf welcher Straße in einer großen Stadt freie Fahrt sein wird, und wo vermutlich ein Verkehrsstau entsteht. Als Datengrundlage seien alle möglichen Informationen gegeben, zum Beispiel anstehende Staatsbesuche, Streiks im öffentlichen Nahverkehr, und natürlich Wochentag und Uhrzeit. Die Programmierung wäre nicht sonderlich schwer: In einem ersten Schritt müsste das Programm anhand von alten Daten auswerten, welche statistischen Auffälligkeiten mit hohem und mit niedrigem Verkehrsaufkommen auf den einzelnen Straßen in der Vergangenheit korrelierten. Durch dieses wohlbekannte Verfahren des “Data Mining” “lernt” das System dann, welche Faktoren für das Verkehrsaufkommen relevant sind. Das Problem ist nur: Die meisten Fahrer wissen das im Großen und Ganzen auch selber. Wenn in Paris etwa ein Staatsbesuch ansteht oder die letzte Etappe der Tour de France gefahren wird, man wohl kaum über die Champs Elysèe nach Hause fahren wollen. Von einem elektronischen Assistenten würde man wohl eher Informationen darüber erwarten, was man noch nicht weiß. Nützlich wäre eine Prognose, die der Fahrer selbst nicht treffen würde. Solche „Überraschungen“ zu erkennen, ist die Aufgabe eines Forschungsprojektes bei Microsoft.
Das Prinzip ist eigentlich ganz einfach: Wenn die Wirkung eines einfachen Faktors stark mit einem relevanten Ereignis (Verkehrsstau, bzw. freie Fahrt) korreliert, dann wird der Nutzer der Software das wohl auch wissen. Also muss das System die offensichtlichen von den nicht so leicht erkennbaren Korrelationen unterscheiden und erstere aussondern. Da die interessanten Korrelationen nun aber nicht so stark sind, ist auch die Trefferwahrscheinlichkeit geringer. Tatsächlich existiert aber ein solches System für den Straßenverkehr mit dem Namen SmartPhlow, bereits, und bietet immerhin eine Trefferwahrscheinlichkeit von fünfzig Prozent. Das ist nicht viel, in der Hälfte der Fälle bekommen die Nutzer dann aber auch echte Geheimtipps.
Konzern beugt sich dem Druck der EU
Als Reaktion auf die heftige Kritik der Europäischen Union an der Produktpolitik von Microsoft hat der Konzern nun zugestimmt, mehr technische Informationen über seine Produkte herauszugeben. Die EU will mit ihrer Forderung bewirken, dass der Konzern seine marktbeherrschende Stellung nicht dazu ausnutzen kann, ein Monopol zu errichten. Besonders in der Kritik standen in der Vergangenheit Versuche von Microsoft, die Benutzung des Windows Media Player für auf Windows-PCs quasi obligatorisch zu machen.
Die Interaktion von Anwenderprogrammen anderer Hersteller mit solchen von Microsoft ist vor allem durch die bisherige restriktive Informationspolitik des Unternehmens sehr erschwert worden. Weniger die interne Verrichtung von Aufgaben, als vielmehr die Geheimhaltung der Schnittstellen von Programmen sind dabei große Probleme. Dies erschwert vor allem Herstellern von Plug-Ins ihre Arbeit. Denn diese Programme sind in größere Anwenderprogramme integriert. Wenn nun beispielsweise ein Hersteller ein integriertes Rechtschreibprogramm für die Textverarbeitungssoftware MS Word herstellen möchte, braucht er dazu Informationen über die innere Struktur dieses Programms. Jeder Entwickler muss sich dann an Microsoft wenden, um die begehrten Informationen zu erlangen. Microsoft ist jedoch auch in solchen Fällen bisher nicht sonderlich kooperativ gewesen. Die Folge: Für Klassenschlager des Konzerns wie den Internet Explorer und die Office-Programme gibt es vergleichsweise wenig Plug-Ins und Add-Ons anderer Hersteller, und die existierenden arbeiten oft nur unzureichend mit den sie umgebenden Programmen zusammen. Hingegen sind Open-Source-Systeme wie der Browser Firefox mit mittlerweile tausenden von kostenlosen Plug-Ins gesegnet. Dies könnte den Produkten von Microsoft das Leben zunehmend schwerer machen. Die Entscheidung, nun mehr Daten herauszugeben, muss wohl auch vor dem Hintergrund dieser Situation gesehen werden, wie Microsoft auch selbst angibt. Auch wenn das Office-Paket und der Internet Explorer immer noch unangefochten die Nummer eins sind: Es mehrern sich die Stimmen, die den Open-Source-Lösungen den Vorrang geben. Den Browser Opera hat beispielsweise jüngst das Computermagazin CHIP (1/2008) noch vor dem Explorer zum schnellsten Browser auf dem Markt gekürt. Zudem steht Microsoft durch die zunehmende Konkurrenz internetbasierter Anwendungen wie der Textverarbeitungssoftware von Google oder dem Adobe-Air-System unter Druck.
Tatsächlich enthalten die zu veröffentlichenden Daten vor allem Informationen über Programmschnittstellen. Nach Informationen der New York Times soll zunächst eine 30.000 Seiten umfassende Dokumentation veröffentlicht werden, welche die Interaktion des Windows-Betriebssystems mit Server-basierten Programmen beschreiben.
Der Leiter des Open-Source-Projektes von Microsoft, Sam Ramij, erläuterte auf der vom 22. bis 24. Januar in Nürberg stattfindenden Konferenz „Open Source Meets Business“ (OSMB) die Antworten des Unternehmens auf Konkurrenz durch freie Software.
Insgesamt geht es Microsoft darum, bei aller Konkurrenz durch freie Software stets darauf zu achten, dass die Anwender ihre Programme nach wie vor auf der Plattform des Windows-Betriebssystems benutzen. Der Albtraum von Microsoft ist, dass populäre OS-Programme Anwender dazu bringen, von Windows auf Linux umzusteigen. Daher bemüht sich der Konzern darum, dass freie Entwickler Windows-Versionen ihrer Produkte herausbringen. Zu diesem Zweck werden an Entwickler Abonnements über die hauseigene Software inklusive relevanter Informationen umsonst vergeben. Anwendungsgebiet für Open-Source-Projekte waren in der Vergangenheit zum Beispiel Bemühungen, Software zum Identitätsmanagement für externe Entwickler frei zu geben. Außerdem will Microsoft zusammen mit den Entwicklern des Browsers Firefox dessen Zusammenwirken mit dem Windows Media Player verbessern.
In einem Gespräch mit heise.de lehnte Ramij jedoch den Umkehrschluss ab, dass Microsoft auch eigene kommerzielle Produkte auf freien Betriebssystemen anbieten könne. Das wichtigste Ziel des Unternehmens sei es, die Nutzung von Windows zu sichern, Anwendersoftware trete dahinter zurück (via heise.de).
Zudem hat Microsoft mit eigenen Lizenzen versucht, den Trend zu freier Software wenigstens im Rahmen der eigenen Produktreihen ein wenig zu steuern. Die beiden OS-Lizenzen MS-PL (Microsoft Public License) und MS-RL (reciprocal license) waren im Oktober letzten Jahres von der Open Source Intiative (OSI) offiziell als Open-Source-Lizenzen anerkannt. Die Lizenzen haben die für OS-Lizenzen typischen Eigenschaften. Microsoft öffnet die so gekennzeichneten Produkte für eine „nichtexklusive, weltweite, tantiemen-freie“ (royalty-free) Lizenz. Benutzer dieser Software dürfen diese verändern und die so veränderten Produkte verkaufen; aber nur unter der gleichen Lizenz. Aus betriebswirtschaftlicher Sicht ist eine solche Freigabe immer ein Wagnis. Denn jedermann kann auf diese Weise den von Microsoft zur Verfügung gestellten Programm-Code vermarkten und so von der Entwicklungsarbeit der Unternehmens kommerziell profitieren.
Heise, der Veranstalter der OS-Konferenz, hat den Vortrag von Sam Ramij in Nürnberg als Webcast veröffentlicht.